Trackerprogramme: Eine Einführung

Einführung in Trackerprogramme

Programme wie Pokertracker, Pokermanager und Pokeroffice bieten unzählige Möglichkeiten, das eigene Spiel zu analysieren. Dieser Artikel soll alle wichtigen Grundlagen vermitteln, die man benötigt, um erfolgreich mit solcher Software zu arbeiten. Der Artikel ist in drei Abschnitte eingeteilt:

  • In Teil 1 werden die wichtigsten Statistiken definiert und beschrieben. In einer Tabelle wird dargestellt, wie viele Hände bereits in einer Datenbank vorhanden sein sollten, damit verschiedene Werte aussagekräftig sind.
  • Der zweite Teil beschäftigt sich damit, Statistiken zu nutzen, um sein eigenes Spiel zu verbessern. Es wird eine Methode vorgestellt, wie man in fünf Schritten Schwächen in seiner Strategie finden kann. Vor verbreiteten Fehlern im Umgang mit Statistiken wird gewarnt.
  • Im dritten Teil geht es darum, sich mit Hilfe von Trackerprogrammen ein Bild von der Spielweise der Gegner zu machen. Sehr wichtig ist dafür die Auswahl der richtigen Statistiken.


Sind euch die Definitionen und Abkürzungen der verschiedenen Statistiken (z. B. VPIP, PFR, Went to Showdown) schon bekannt, könnt ihr den ersten Teil überspringen. Der technische Umgang mit den verschiedenen Programmen wird nicht erklärt. Die jeweiligen Anbieter der Software bieten hierfür online umfangreiche Anleitungen und zusätzlich einen Kundenservice. In weiterführenden Artikeln kann dann aber durchaus auf bestimmte Konfigurationen eingegangen werden, die dann auch entsprechend beschrieben werden.

Teil 1: Definition und Erklärung der wichtigsten Statistiken


Um Statistiken richtig interpretieren und anwenden zu können, sollten wir zunächst die wichtigsten vorstellen und deren Aussagekraft näher betrachten. Dabei wird jeweils der gebräuchliche Name der Statistik genannt, die Definition und seine Bedeutung.

Am Ende des Kapitels ist in einer Tabelle dargestellt, wie viele Hände man in seiner Datenbank haben sollte, um für die verschiedenen Statistiken zuverlässige Werte zu erhalten.

Handanzahl

Die Handanzahl gibt an, wie viele Hände man für einen ausgewählten Spieler bereits in seiner Datenbank gesammelt hat. Diese Zahl birgt isoliert betrachtet fast keine Information. Sie ist allerdings sehr wichtig, um die Aussagekraft aller anderen Statistiken beurteilen zu können. Hat man erst drei Hände beobachtet, erübrigt sich beispielsweise der Blick auf alle anderen Werte. Wie viele Hände notwendig sind, damit eine Statistik aussagekräftig ist, ist sehr unterschiedlich, und ich werde zu jedem im Verlauf dieses Artikels beschriebenen Wert eine grobe Orientierung geben.

VPIP = Voluntarily Put $ in the Pot (in %)

VPIP (Voluntarily Put $ In The Pot) ist die am meisten genutzte Statistik überhaupt. Sie gibt an, in wie viel Prozent der Hände ein Spieler freiwillig Geld gesetzt hat. Freiwillig ist jeder Einsatz, der kein Blind und kein Ante ist. Aus diesem Wert lässt sich gut ableiten, wie loose oder tight ein Spieler vor dem Flop agiert.

Je höher der VPIP ist, desto looser ist ein Spieler preflop. Dieser Wert ist schon nach sehr wenigen beobachteten bzw. gespielten Händen aussagekräftig.

  • 30 Hände reichen bereits aus, um einen ordentlichen Anhaltspunkt zu bekommen,
  • nach 200 Händen weiß man gut Bescheid und
  • ab 1000 Händen tut sich bei diesem Wert fast nichts mehr,

sofern der entsprechende Spieler seine Spielweise nicht drastisch umstellt. Diese Einschränkung gilt natürlich bei jeder Statistik, unabhängig davon, wie viele Hände man schon gesehen hat.

Das VPIP sollte bei guten Spielern zwischen 12 und 25 fullring (acht bis zehn Spieler) und zwischen 15 und 30 shorthanded (fünf oder sechs Spieler) liegen.

PFR = Preflop Raise (in %)

PFR (PreFlop Raise %) gibt an, wie viel Prozent seiner Hände ein Spieler vor dem Flop erhöht (raist). An dem Wert kann die Aggressivität des Gegners preflop abgelesen werden. Er ist auch nach relativ wenigen Händen aussagekräftig, allerdings nicht so schnell wie der VPIP.

  • Nach 100 Händen hat man einen ordentlichen ersten Eindruck,
  • nach 500 Händen weiß man recht gut Bescheid und
  • bei 2500 schwankt der Wert kaum noch.

Gute Spieler haben in der Regel einen PFR im Bereich von 8 bis 20 fullring und 12 bis 25 shorthanded.

AF = Agression Factor

Die wichtigste Statistik, die etwas über das Spiel nach dem Flop verrät, ist der Aggression Factor (AF). Dieser setzt die Zahl der Erhöhungen (Bets und Raises) ins Verhältnis zu der Anzahl der Calls, jeweils nach dem Flop. Wie oft gecheckt wird, spielt bei der Berechnung des AF keine Rolle.

  • Beispiel:

    Hat ein Spieler in 20 Händen nach dem Flop 
    • vier mal gesetzt,
    • zwei mal erhöht und
    • ist drei mal mitgegangen,

ist der AF gleich 2.

Rechnung: (Anzahl Bets + Anzahl Raises) / Anzahl Call = (4 + 2) / 3 = 6 / 3 = 2

Je aggressiver ein Spieler ist, desto höher ist der Aggression Factor. Er sagt allerdings auch etwas darüber aus, wie loose jemand nach dem Flop ist. Je mehr gesetzt und erhöht und je weniger gecallt wird, desto höher ist der AF. Entsprechend ist er niedrig, wenn ein Spieler passiv ist und/oder viel callt.

Für einen aussagekräftigen Aggression Factor benötigt man ungefähr so viele beobachtete Hände wie beim PFR.

Der AF kann bei verschiedenen erfolgreichen Spielstilen sehr weit auseinander liegen. Typischerweise bewegt er sich bei starken Spielern zwischen 1,8 und 3,5. Vereinzelt treten auch deutlich höhere Werte auf.

WSD = Went to Showdown (in %)

Der Went to Showdown (WSD) wird ebenfalls oft benutzt und in Forendiskussionen angegeben. Die Definition ist etwas komplizierter: Er gibt an, mit viel Prozent seiner Hände ein Spieler einen Showdown erreicht. Gezählt werden allerdings nur Hände, bei denen er

  • den Flop sieht und
  • nicht alle Gegner passen.

Dazu ein Beispiel.

  • Beispiel:

    Ein Spieler wird über 7 Hände beobachtet.
    • Er passt 3-mal vor dem Flop,
    • einmal gewinnt er den Pot ohne Showdown,
    • einmal verliert er den Showdown und
    • zweimal passt er nach dem Flop.

Der WSD ist dann 33,3%.

Rechnung: [Anzahl Showdown gesehen] / [Anzahl Hände, die Flop gesehen haben] * 100 = 1 / 3 * 100 = 33,3%

Die Anzahl der Hände ist 3 und nicht 7, weil nur die Hände zählen, in denen der Spieler selbst nicht vor dem Flop gepasst hat und gleichzeitig nicht alle Gegner vor ihm gefoldet haben (zum Beispiel nach einem Conti-Bet auf dem Flop).

Der Went to Showdown gibt an, wie loose ein Spieler nach dem Flop ist. Dabei gilt: Je höher der WSD, desto looser der Spieler (gilt natürlich genauso umgekehrt, je looser ein Spieler, desto höher wird sein WSD sein), je niedriger der WSD, um so tighter der Spieler. In Kombination mit dem WSD wird auch der Aggression Factor noch aussagekräftiger.

  • Ein hoher Aggression Factor kombiniert mit einem hohen WSD deutet auf einen besonders aggressiven Spieler hin.
  • Umgekehrt ist ein Spieler mit niedrigem AF und niedrigem WSD sehr passiv.

Der Nachteil des Went to Showdown ist, dass man recht viele Hände benötigt, um einen aussagekräftigen Wert zu erhalten.

  • Einen ersten Eindruck bekommt man nach ca. 500 Händen.
  • Mit 2000 Händen hat man einen soliden Wert und 
  • 10.000 Hände sind sehr aussagekräftig.

Ein guter Wert für den Went to Showdown liegt zwischen 23 und 38.

Winrate (in $, BB oder 2BB)

Die Winrate ist der Wert, der letztlich fast jeden Spieler am meisten interessiert. Er gibt an, wie hoch der Gewinn pro 100 Händen ist. Bei Fixed Limit wird dabei der Gewinn in Big Bets pro 100 Händen angegeben, bei No Limit und Pot Limit in Big Blinds pro 100 Händen. Eine wichtige Ausnahme bildet das Programm „Pokertracker". Hier wird der Gewinn bei No Limit in „Pokertracker Big Bets" (PTBB) pro 100 Händen angegeben. Ein PTBB ist das Doppelte eines Big Blinds. Das ist etwas merkwürdig und gewöhnungsbedürftig, aber für den Nutzer nicht zu ändern.

  • Beispiel:

Die Winrate auszurechnen ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Angenommen jemand hat 1.000 Hände No Limit Hold'em mit Blinds von 25 Cent und 50 Cent gespielt und dabei $50 gewonnen. Dann beträgt die Winrate 10 BB / 100 Hände bzw. 5 PTBB / 100 Hände.

Rechnung: [Gewinn] / [Höhe des Big Blinds] * 100 / [Handanzahl] = $50 / $0,5 * 100 / 1000 = $100 / 10 = $10.

Für den Wert in PTBB / 100 Hände muss man diesen Wert dann einfach noch durch 2 teilen.

Natürlich möchte jeder, der an seinem Spiel arbeitet, letztlich seine Winrate erhöhen. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, ständig auf diesen einen Wert zu starren. Das Problem ist, dass die Winrate kurzfristig sehr stark vom Glück bzw. Pech beeinflusst wird. Und „kurzfristig" kann beim Pokern ziemlich lang werden. 10.000 Hände geben einem einen groben Anhaltspunkt, nach 40.000 Händen hat man einen halbwegs soliden Wert und nach 150.000 Händen kann man seine Winrate gut abschätzen.

Diese Zahlen scheinen zunächst einmal unglaublich hoch zu sein. Sowohl die Erfahrung als auch statistische Modelle zeigen aber immer wieder, dass wirklich Glück- und Pechsträhnen die Winrate über zehntausende von Händen stark beeinflussen können!

Abgesehen davon, dass es sehr, sehr lange dauert, 150.000 Hände zu spielen, ergibt sich noch ein weiteres Problem: Nach so langer Zeit kann es gut sein, dass sich das eigene Spiel oder die durchschnittlichen Spielbedingungen stark geändert haben. Hat man also endlich seine 150.000 Hände zusammen, weiß man, welche Winrate man hatte aber es ist nicht klar, ob das auch für die Zukunft gilt.

Welche Winrates realistisch erreichbar sind, ist immer wieder ein heiß diskutiertes Thema. Einen groben Überblick soll die folgende Tabelle vermitteln. Alle eingetragenen Werte beziehen sich auf den Gewinn pro 100 Hände. Wenn ihr eure Ergebnisse mit der Tabelle vergleicht, denkt daran, dass mittelfristig Glück eine wichtige Rolle spielt.

 

 

Won at Showdown (in %)

Der Won at Showdown (Achtung! Nicht zu verwechseln mit dem Went to Showdown) gibt an, in wie viel Prozent der Fälle ein Spieler am Showdown etwas gewinnt. Dabei zählen natürlich nur Showdowns, an denen der entsprechende Spieler auch beteiligt ist. Bei einem Splitpot gilt das auch als Gewinn im Sinne der Statistik.

Hat man einen Won at SD von über 50%, hat man folglich im Durchschnitt eine deutlich bessere Hand als der / die Gegner. Der durchschnittliche Won at SD liegt in der Regel aber unter 50%, weil es ja manchmal zu Showdowns mit drei oder mehr Spielern kommt, sofern wenig Action war.

Hat man einen Wert von knapp 50%, sind die eigenen Hände am Showdown durchschnittlich und liegt der Wert deutlich unter 50%, hat man im Schnitt schlechtere Karten als seine Gegner.

Was genau mit „knapp" und „deutlich" unter 50% gemeint ist, hängt davon ab, wie viele Gegner in Schnitt am Showdown beteiligt sind. Als Faustregel ist ein Wert von unter 45% sehr niedrig.

Die meisten guten Spieler haben einen Won at Showdown von etwas über 50%. Ein Wert unter 45% oder über 60% ist ungewöhnlich.

Die Statistik ist zwar interessant, ihre Interpretation ist aber sehr schwierig.

  • Wenn man einen sehr hohen Won at SD hat, kann das beispielsweise daran liegen, dass man sehr viele mittelstarke Hände foldet, die man möglicherweise besser hätte weiterspielen sollen. Man würde also zu viel Equity verschenken.
  • Viele Bluffs mit schwachen Händen führen ebenfalls zu einem hohen Won at SD, weil man dann seine Gegner zum Folden bringt und dadurch den Verlust am Showdown vermeidet.
  • Genauso führt Passivität mit starken Händen eher zu einem hohen Won at SD, weil man dann seltener seine Gegner aus der Hand drängt, wenn man den Showdown wahrscheinlich gewinnen würde.

Es gibt also zahlreiche, vollkommen unterschiedliche Spielweisen, die den Wert nach oben (oder unten) treiben können. Deshalb kann man anhand diesen Wertes wenig über die eigene Spielweise oder die der Gegner lernen, was den Nutzen der Statistik entsprechend reduziert.

Aggression Frequency (in %)

Die Aggression Frequency (hier gibt es keine allgemein übliche Abkürzung, da AF bereits für Aggression Factor verwendet wird, den wir bereits weiter oben beschrieben haben) gibt an, in wie viel Prozent der möglichen Fälle jemand setzt bzw. erhöht.

Unterschieden wird zwischen Aggression Frequency an Flop, Turn und River.

  • Beispiel:

Wenn jemand zehn mal am Flop am Zug ist, davon

  • einmal erhöht,
  • zweimal setzt,
  • dreimal mitgeht und
  • viermal passt,
hat er eine Aggression Frequency am Flop von 30%. Relevant sind nur die Erhöhungen bzw. das Setzen, sofern vor uns noch niemand gesetzt hat. Damit haben wir in Summe 10 Aktionen, von denen 3 aggressiv waren.

Rechnung: [Aggressive Aktionen] / [Alle Aktionen] * 100 = (1+2) / 10 * 100 = 30%.

Die Aggression Frequency gibt also an, wie aggressiv ein Spieler nach dem Flop ist. Der Wert wird nicht davon beeinflusst, ob jemand tight oder loose spielt und unterscheidet sich dadurch vom Aggression Factor.

Die Statistik ist damit sehr praktisch, wird aber trotzdem seltener angewandt als der AF. Damit der Wert aussagekräftig ist, benötigt man ungefähr so viele Werte wie bei PFR und Aggression Factor.

Bei einem guten Spieler sollte der Wert normalerweise zwischen 20 und 35 liegen.

Attempt to Steal Blinds

Der Attempt to Steal Blinds gibt an, wie oft ein Spieler die Blinds attackiert, wenn die Möglichkeit dazu besteht.

Eine „Möglichkeit" besteht dann, wenn man im Cutoff oder auf dem Button ist und vor einem alle Spieler gepasst haben. Wird nun erhöht, ist dies ein Versuch, die Blinds zu stehlen, wird gecallt (oder gepasst) wird dies nicht als Blindsteal gewertet.

Dieser Wert ist besonders für die drei Spieler rechts von einem interessant, weil man dann im Falle eines möglichen Steals abschätzen kann, ob der Gegner wahrscheinlich eine gute Hand hat oder eher nicht. Leider benötigt man recht viele Hände, um einen aussagekräftigen Wert zu erhalten, weil sich in vielen Spielen nur selten Möglichkeiten ergeben, die Blinds zu stehlen.

Bei den meisten guten Spielern liegt der Attempt to Steal Blinds bei 25 bis 35.

Folded SB to Steal / Folded BB to Steal

Folded SB to Steal und Folded BB to Steal geben entsprechend an, in wie viel Prozent der Fälle gegen einen Raise aus später Position gepasst wird. Damit bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie hoch die Bereitschaft der Spieler in den Blinds ist, ihre Grundeinsätze zu verteidigen.

Die Werte sind also eine gute Entscheidungshilfe, wenn man plant, die Blinds zu stehlen. Allerdings werden noch mehr Hände als beim "Attempt to steal Blinds" benötigt, um einen aussagekräftigen Wert zu bekommen.

Der folded SB bzw. BB to Steal sollte zwischen 85 und 95 bzw. 70 und 85 liegen. In jedem Fall muss man im BB deutlich mehr Hände spielen als im SB, weil man eine bessere Position hat und bereits mehr Geld in den Pot investiert hat und damit höhere Odds bekommt.

Position Stats

Viele der bisher beschriebenen Statistiken gibt es auch für jede Position einzeln. Es kann durchaus interessant sein zu sehen, wie viele Hände man in verschiedenen Positionen wie spielt oder wie hoch der Gewinn oder Verlust bestimmter Hände in Abhängigkeit der Position ausfällt. Allerdings muss man sehr vorsichtig sein, weil man extrem viele Hände benötigt, damit die Werte aussagekräftig sind.

Bei einem vollen Tisch mit 9 Spielern, benötigt man bei den Position Stats neun mal so viele Hände, um aussagekräftige Werte zu erhalten, als wenn man sich die Werte über alle Hände anschaut.

Anzahl benögter Datensätze

Hier noch mal eine tabellarische Übersicht, wie viele Hände man in der Datenbank haben sollten, um über die jeweiligen Statistiken valide Aussagen machen zu können:

 

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